Was versteht man unter Ayurveda?

Die schnelle Übersicht:

Ayurveda ist eine aus Indien stammende medizinische Lehre – diese ist:

  • individuell (auf Person und Krankheit abgestimmte Therapie)
  • ganzheitlich in Bezug auf Körper / Geist / Seele (nicht ein Symptom oder Organ, sondern das Gesamtsystem)
  • ein vielfältiges Therapiekonzept (Ernährung, Kräuter, Manualtherapie, Massage, Meditation und Yoga, ausleitende Verfahren, Schwitzbox, Lifestyleänderung, u.v.m.)
  • ein vielen unbekanntes aber durchaus logisches und wissenschaftliches Erklärungsmodell mit durch vielzählige Studien belegter Wirkung

Körper, Krankheit, Handlungen, Umgebung, Heilpflanzen und Ernährung, alles was existiert wird im ayurvedischen System mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner beschrieben, den Doshas. Doshas sind nichts Außergewöhnliches, nur in unserem Umfeld schwierig zu erklären – allgemein spricht man von Bioenergien, wobei sich ein wissenschaftlich denkender Mensch schwer tut – sie lassen sich aber auch mit generellen physiologischen Funktionsprinzipien beschreiben:

Vata

aktivierende, absorbierende, bewegende, trennende Funktionsprinzipien wie die der Gedanken, des Nervensystems und Bewegungsapparates, der Resorption im Dickdarm. Vata wird gebildet aus Luft- und Raumelement und besitzt die Eigenschaften: trocken, kalt, leicht, feinstofflich, beweglich, nicht schleimig, rau

Pitta

transformierende Funktionsprinzipien wie z.B. Stoffwechsel, enzymatische Verdauung, Säurewirkung, entzündliche Prozesse, Energiegewinnung. Pitta wird gebildet aus viel Feuer- und etwas Wasserelement und besitzt die Eigenschaften: etwas ölig, heiß, penetrierend, flüssig, sauer, beweglich wie eine Flüssigkeit, scharf

Kapha

stabilisierende, aufbauende und schützende Funktionsprinzipien, wie das der Gelenksflüssigkeit, der Lymphe, des Liquors und des Immunsystems. Kapha wird gebildet aus Wasser- und Erdelement und besitzt die Eigenschaften: schwer, kalt, weich, ölig, süß, stabil, schleimig

 

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Diese Eigenschaften kann der Therapeut erfassen und sie sind sowohl in den Krankheitssymptomen wie auch in den Merkmalen des Körpers und des Geistes messbar. Eine „trockene“ Bandscheibe die sich von der Stelle „bewegt“ und auf „kalten“ zugigen Wind oder Wetterwechsel Schmerzen erzeugt ist ganz klar Vata zuzuordnen. Ebenso das „trockene“ Gelenk, das in der „Beweglichkeit“ blockiert ist und schmerzt, oder der „bewegte“ Geist der von sprunghafter Natur ist und sich gerne in Sorgen und Ängste verstrickt mit seinen „feinstofflichen“, nicht greifbaren Gedanken.

Manche vergleichen den Körper mit der Hardware und die Doshas mit der Software eines Computers – sie bestimmen, wie der Körper sich verhält und was er ausbildet.

Von Dosha spricht man vor allem, wenn eines dieser funktionellen Prinzipien im Ungleichgewicht ist. Kommt dann noch eine physiologische Schwachstelle im Körper dazu, entsteht was wir als Krankheit bezeichnen.

Ayurveda unterscheidet dabei 6 Stadien, wobei die ersten Stadien oft nicht technisch erfassbar oder durch biomedizinische Maßnahmen messbar sind. Ein Ungleichgewicht der Doshas aber kann durch die Zusammenschau von meist unerklärlich wirkenden Symptomen und Puls-/Zungendiagnostik bestimmt und frühzeitig ausgeglichen werden. So kann zum Beispiel ein Zusammenspiel von „brennendem Gefühl“, saurem Geschmack im Mund, erhöhter Aggressionsneigung, Hitzeempfindlichkeit und geröteter Haut bei einem Pitta-Typen ein Ungleichgewicht des Pitta-Doshas bedeuten. Wird dieser Zustand nicht besänftigt, kann es je nach Schwachstelle zu Abszessen, Magenentzündung, entzündlicher Darmerkrankung oder Hauterkrankung kommen.

Ayurveda stellt somit eine wichtige Gesundheitsvorsorge dar, da Störungen im Körper früh erkannt werden können. Wird auch die Ernährung und das Verhalten dem eigenen Typ angepasst, kommt es weniger wahrscheinlich zu einem Ungleichgewicht der Doshas.

Je chronischer eine Erkrankung, desto weniger wahrscheinlich lässt sie sich heilen, da die Veränderungen im Körper schon zu sehr fortgeschritten sind. Dennoch kann Ayurveda durch sein Erklärungsmodell Ursachen benennen, deren Behandlung einen zusätzlichen Effekt zur modernen westlichen Therapie erbringen können. (Siehe Bericht im Spiegel) Viele in den Heilpflanzen vorkommende Wirkstoffe sind eine Vorlage für moderne Medikamente. Ayurvedische Kräuter sind zwar noch nicht alle biochemisch und durch gute klinische Studien untersucht, aber es wurde damit für Jahrtausende praktische Behandlungserfahrung gemacht und bewertet. Wo die westliche Medizin eine schnelle Wirkung und einen besonders positiven Einfluss auf die Lebenserwartung besitzt, ist die Stärke des Ayurveda die Wiedererlangung des Gesundheitsbewusstseins und der Lebensqualität durch Bewusstmachung der Eigenverantwortung (Verhalten, Ernährung) der Patienten sowie eine verzögerte aber anhaltende Wirkung mit Unterstützung der körpereigenen Selbstheilungskräfte.

Ein Beispiel für das individuelle Denken im Ayurveda ist der Salat. Es sind sich westliche Ärzte vielleicht einig, dass Salat allgemein gesund ist, da er so viele Vitamine, Ballaststoffe und Spurenelemente aber wenig Fett oder Kohlenhydrate enthält. Dennoch erleben gar nicht wenige Menschen Krämpfe, Blähungen und Verdauungsstörungen nach Salatgenuss, vor allem abends. Ayurveda würde Salat und andere Rohkost eher zur verdauungsstarken Mittagszeit empfehlen und einem Vatatypen eher gar keine Rohkost. Dann macht es noch einen Unterschied, welchen Geschmack der Salat hat, mit welchem Öl er zubereitet wurde und beim Essig sollten sich Pittatypen auch noch zurückhalten. Man sieht hier, dass der Westen zwar auf molekularer Ebene hochspezialisiert ist, eine andere und individuellere Ebene aber nicht beachtet wird und es so zu Verallgemeinerungen kommen kann. Die noch in den Kinderschuhen steckende Pharmakogenetik ist ein moderner Versuch, die individuelle Konstitution des Menschen in die Therapie miteinfließen zu lassen – so könnten sich Biomedizin und Ayurveda doch noch eines Tages annähern und voneinander lernen.

Die Ayurveda-Wellnessindustrie verallgemeinert leider auch gerne und so kommt es, dass Ganzkörperölmassagen jedem verkauft werden und allgemein als gesund und ausgleichend beschrieben werden. Dies ist nicht mit dem ursprünglichen Ayurveda zu verwechseln, der selten Ölanwendungen bei Menschen mit bestimmten Zuständen („Ama“) wie z.B. bei rheumatischen oder Autoimmun-Erkrankungen empfehlen würde – damit löst man eventuell sogar einen akuten Schub aus. Wird verallgemeinert, ist es nicht Ayurveda.

Charak

Für die sehr interessierten LeserInnen (weiter im Text):

Ayus bedeutet „Leben“ und Ayurveda ist die aus dem alten Indien stammende Lehre über das Leben. Dies ist ein weiter Begriff und beinhaltet detaillierte Beschreibungen über förderliches Verhalten und Therapien in sämtlichen Bereichen des Lebens, mit Gewichtung auf Gesundheit und Wohlbefinden.

Einige jahrtausendealte Schriften sind uns erhalten geblieben und die Lehre wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Heute kann man sowohl Ayurveda-Universitäten als auch unabhängige Lehrmeister der alten Kunst finden.

Einflüsse des Ayurveda breiteten sich aus und bilden womöglich die Grundlage jüngerer Medizinsysteme, so wird Ayurveda auch gerne als „Mutter der Medizinsysteme“ bezeichnet. Einige aktuelle chirurgische Instrumente und Verfahren wurden schon damals beschrieben und in die westliche Medizin übernommen. Die Konservative Therapie besteht im Wesentlichen aus typgerechter und krankheitsbezogener Ernährung sowie reinigenden und besänftigenden Verfahren unter Zuhilfenahme natürlicher und typgerechter Kräutermedizin. Zusätzlich zu den unveränderlichen Prinzipien des Lebens ist der Ayurveda eine lebendige Wissenschaft und es wurden auch nützliche Elemente anderer Systeme wie die Puls- und Zungendiagnostik und die Interpretation moderner medizinischer Befunde hinzugefügt.

Nach buddhistischen Einflüssen kam es in der Entwicklung der Ayurveda-Chirurgie zu einem Stillstand, da Körper nicht mehr „verletzt“ werden durften. Die moderne Chirurgie ist also bestimmt vorzuziehen, aber es gibt immer noch Anwendungen der ayurvedischen Chirurgie wie die Behandlung von Analfisteln mittels mediziniertem Faden, welche modernen operativen Methoden überlegen sind. Eine Art der lokalen Thermotherapie / Hitzetherapie (Agnikarma) wird zur Schmerzlinderung chronischer Schmerzsyndrome ohne Medikamente noch heute angewandt. Bezüglich der „Inneren Medizin“ inklusive Ernährungslehre und Pflanzenheilkunde verfügt Ayurveda über ungebrochene, Jahrtausende überdauernde Erfahrung.

Ayurvedamedizin findet in Europa Anwendung bei chronischen Erkrankungen wie Rheuma, Asthma, Bluthochdruck, Hauterkrankungen, abgeklärte aber unerklärliche Unfruchtbarkeit, Burnout, Rückenschmerzen, beginnender Diabetes und diabetische Polyneuropathie, Parkinson, chronisches Nieren-, Leber- und Herzversagen, u.v.m. – immer in enger Zusammenarbeit mit westlichen medizinischen Spezialisten, um das Beste aus beiden Systemen für die PatientInnen herauszuholen.

Das Zauberwort lautet hier INTEGRATIVE MEDIZIN. Jedes System hat seine Vor- und Nachteile und es gilt eine optimale individuelle Kombination herzustellen. Die ayurvedische Begleitung einer Chemotherapie kann so Nebenwirkungen verringern. Medikamente können durch reinigende und besänftigende Ayurvedatherapie oft reduziert, manchmal abgesetzt werden. In der Akutmedizin ist die westliche Biomedizin jedenfalls vorzuziehen und indische Ayurvedaärzte greifen oft auch selbst darauf zurück.

Ayurveda ist von der Weltgesundheitsorganisation WHO als traditionelle Heilkunde anerkannt (WHO Traditional Medicine Stragegy 2002-2005, Document WOH/EDM/TRM/2002.1)

Anerkannt ist Ayurvedamedizin in Österreich noch nicht, in Deutschland wird an einem anerkannten Diplom für Ärzte gearbeitet. Der Grund liegt u.a. an der noch unzureichenden Studienlage. Eine moderne, randomisierte (zufällig zugeordnete Therapie), doppelblinde (Therapeutinnen und Patienten wissen nicht, wer was bekommt), placebokontrollierte Studie nach westlichen Standards kostet viel Geld, welches die europäischen Vertreter der Ayurvedamedizin bisher selten aufbringen konnten. In Indien sind die Wissenschaftsstandards schwer einzuhalten, die Situation beginnt sich aber zu bessern und immer mehr hochwertige Studien kommen an die Öffentlichkeit. Wer sich hier einlesen möchte (Englisch), kann auf www.dharaonline.org schmökern, wo sich publizierte wissenschaftliche Artikel unterschiedlicher Qualität finden. Leider lassen sich die oft individuellen und dynamischen sowie vielschichtigen Therapiemodelle des Ayurveda nicht leicht in moderne Studienmodelle eingliedern, welche für den genau definierten klinischen Vergleich zweier chemischer Verbindungen ausgelegt sind. Oder können sie sich „Placebomassage“, „Placeboabführen“, „Placeboernährung“, „Placeboyoga“, usw. vorstellen? Placeboöl und Placebokräuterwein wurde schon entwickelt. Hier wird gerade an einem neuen Studiendesign, welches sich „WHOLE SYSTEM RESEARCH“ (pubmed) nennt, gearbeitet. Ähnlich wie damals bei der chinesischen Medizin mit der Akupunktur wird es auch bei Ayurveda zumindest eine sehr erfolgreiche, groß angelegte westliche Studie zur Anerkennung bei der Ärztekammer und den gesetzlichen Kassen brauchen. Dieses Ziel erreichen wir dann, wenn genügend zufriedene Patientinnen eine Kostenübernahme durch die Kassen fordern. Wir hoffen, dazu beitragen zu können!

Für die, welche noch nicht genug bekommen haben (mehr Details):

http://www.ayurveda-verband.eu/